Vor einiger Zeit beim Improvisationstheater: Der Trainer legte eine Zeitungsseite auf den Boden und bat uns, uns so zu platzieren, dass sich alle Teilnehmer gegenseitig berühren, aber nicht den Boden. Das war kein Problem. Wir waren zu acht und die Zeitung war groß genug. Wir konnten alle einen Fuß auf die Zeitung setzen und uns an den Händen halten, während wir den anderen Fuß hochhielten. Niemand berührte mehr den Boden, aber wir uns alle gegenseitig. Dann halbierte der Trainer die Zeitung auf die Größe eines DIN-A4-Blattes. Nun wurde es schon schwieriger. Das Stück Papier bot nur noch Platz für unsere Fußballen, aber es gelang uns trotzdem. Danach wurde die Zeitung nochmals halbiert und wieder schafften wir es, den Boden nicht mehr berühren, nun schon eng umschlungen auf den Zehenspitzen stehend, allerdings nur noch für einen ganz kurzen Moment. Egal, Auftrag erfüllt! Wir waren stolz.

Gnadenlos halbierte er wieder die Zeitung, nun auf die Größe einer Postkarte. Was auch immer wir versuchten, mindestens einer berührte immer den Boden. Nach einer Weile der Ratlosigkeit kam uns die Erleuchtung.

Wir mussten uns nur an den Händen halten und alle gleichzeitig in die Höhe springen. Damit war die Bedingung erfüllt. Niemand hatte gefordert, die Zeitung zu benutzen. Der Trainer hatte sie nur demonstrativ auf den Boden gelegt, während er uns die Aufgabe erklärte.

Was war das Problem? Wir folgten einem Plan, einer vorgegebenen Lösungsstrategie. Die lautete: Benutze die Zeitung. Zunächst funktionierte dies auch; aber als die Anforderungen schwieriger wurden, bekamen wir ein Problem. Erst als wir die „Lösung“ infrage stellten, fiel endlich der Groschen. Die Lektion, die uns der Trainer vermitteln wollte, war, dass man sich jederzeit von einer Agenda lösen sollte. Ja, vielleicht sogar besser erst gar keine aufstellt.

Im Improtheater wie im Coaching zählt nur der Moment. Eine Agenda ist eine Lösungsstrategie aus der Vergangenheit. Sie ist der Versuch, die Zukunft gedanklich vorwegzunehmen. Viele Beratungsformen sind gewohnt, mit Agenden zu arbeiten. Trainer brauchen sie sogar. Kaum ein Kunde besucht ein Training, ohne nicht vorab mit einem Trainingsplan ausgestattet worden zu sein. Von einem Berater wird  erwartet, dass er mit umfangreichen Projektplänen mit vielen Meilensteinen und Arbeitspaketen arbeitet.

Für den professionellen Coach jedoch ist eine Agenda nichts. Sie wirkt wie ein Schlüsselloch und begrenzt die Wahrnehmung. Schlimmer noch, eine Agenda prädisponiert und wirkt wie Scheuklappen, die alles ausblenden, was wir nicht sehen sollen oder wollen. Für ein Pferd auf der Straße mag das ein Segen sein, für das Coaching ist es Gift. Der Kunde arbeitet kontinuierlich an seinen Zielen und verändert sich von Coachingsitzung zu Coachingsitzung. Egal welcher Agenda man folgt, die Gefahr ist groß, dass sie schon nach kurzer Zeit überholt ist und mehr schadet als nützt. Jeder Mensch ist einzigartig. Es ist unwahrscheinlich, dass eine Agenda ihm gerecht wird. Im Coaching versuchen Agenden etwas zu planen, was nicht planbar ist. Sie ziehen uns aus dem bestehenden Moment und lenken uns vom Kunden ab. Einer Lösungsstrategie zu folgen, löst keine Probleme, sie schafft neue.

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Der Weg zum professionellen Coach“ erschienen bei Beltz (2013).