Von Thomas Schulte

Thomas Middelhoff wird sein Weihnachtsfest wohl hinter Gittern verbringen. Das ist dramatisch, insbesondere wenn man sich vergegenwärtigt, dass er nur einer von vielen gestrauchelten Top-Managern ist. Lang ist die Liste der immer wieder vorgebrachten Ursachen: Narzissmus, der alle Kritiker verstummen ließ; Größenwahn, der jegliche (Selbst-)Zweifel im Keim erstickte; Machthunger, der vor nichts zurück schreckte.

Ich weiß nicht, ob diese Manager irgendwann in ihrer bemerkenswerten Karriere einen Coach hatten, aber ich weiß, dass solche ex-post Erklärungsversuche wenig bringen. Viel spannender ist, ob es überhaupt so weit hätte kommen müssen. Was, wenn die Herren beizeiten ein Coaching in Anspruch genommen hätten?

Entscheidend hierfür ist natürlich, mit welcher Absicht ein Manager in das Coaching kommt. Es ist naheliegend, dass zum Beispiel bei Herrn Middelhoff ein Wunsch nach mehr Macht, mehr Einfluss und mehr Einkommen wohl kaum einen Unterschied gemacht hätte. Davon hatte er nun wirklich schon reichlich. Da der Mann zweifellos ein gescheiter Kopf ist, und seine Zeit nicht verschwenden will, hätte er solch ein Anliegen eher nicht in ein Coaching eingebracht.

Was könnten diese Manager dann von einem Coaching sinnvolles gewollt haben? – Manager, die über Jahrzehnte hart gearbeitet haben, die zu den Spitzenverdienern und zur intellektuellen Elite des Landes gehörten, die andere mit ihrer rhetorischen Begabung mitreißen konnten und die mutige Visionen für ihr Unternehmen entwickelten.

Nach mehr als einem Jahrzehnt Coaching auf allen Hierarchieebenen, kann ich sagen: Coachings sind so einzigartig wie die Menschen. Weder die Hierarchieebene und noch das Geschlecht des Klienten erlauben eine Aussage über die zu erwarteten Themen.

Viel wichtiger ist ohnehin, dass es beim Coaching um etwas wirklich Sinnhaftes für den Klienten geht. Hier offenbart sich eine große Stärke des Coachings: Die Frage nach der Zielsetzung. Sie ist essentieller Bestandteil jedes professionellen Coachings und veranlasst den Menschen, ja zwingt ihn regelrecht, sich damit auseinander zu setzen, was wirklich wichtig für ihn ist. Und das hätte den Managern zweifellos gutgetan. Wenn sie dann noch das für sie wichtige und sinnvolle Anliegen geklärt hätten, vielleicht sogar neue kreative Wege entdeckt hätten, wäre die Chance groß gewesen, rechtzeitig zu erkennen, dass ihr bisheriges Vorgehen in die Sackgasse führt. Sie hätten schon frühzeitig gegensteuern und das schlimme Ende verhindern können.

Die Bandbreite solcher sinnvoller Themen im Coaching ist enorm. Bessere Führung, Vermeidung von Fehlentscheidungen, weniger Stress und mehr Zeit mit der Familie, genauere Analyse von Risiken, die Zeit finden, Strategien und deren Umsetzung mit einem unabhängigen Dritten zu besprechen, ehrliche Selbstreflektion und gesünderes Selbstbewusstsein – um nur einige zu nennen. Da wäre bestimmt etwas für die Herren dabei gewesen.

Der weltweit größte Coachingverband, die International Coaching Federation ICF, führt regelmäßig weltweite Umfragen unter Coachingkunden durch. In allen Ländern zeigt sich das gleiche konsistente Bild: durchweg 90 bis 95 % der Kunden sind zufrieden mit dem Coaching und würden wieder eines machen. Deshalb kann man Managern nur wünschen: Machen Sie regelmäßig ein Coaching. Fangen Sie damit an, selbst dann, wenn Sie noch nicht genau wissen, was Sie besprechen wollen. Finden Sie das wichtige und sinnvolle Thema im Coaching und besprechen Sie es. Sie werden überrascht sein, was es Ihnen bringt.

Manager nutzen am besten Coaching so früh wie möglich, nicht erst, wenn sie oben an der Spitze angekommen sind. Nicht nur weil die Dunkelziffer der in aller Stille und „im Gegenseitigen Einvernehmen“ gescheiterter bzw. entlassener Manager enorm ist, sondern weil die Zeit kommen wird, wenn nur noch nachweislich regelmäßig gecoachte Manager die Verantwortung für ein ganzes Unternehmens tragen dürfen.